Manchmal vergesse ich, wie sehr mir der Wald fehlt. Mir fehlen auch die Felder und die Wiesen und die grünen Flüsse, aber besonders fehlt mir der Wald mit seinen Geräuschen und Gerüchen, mit diesem unvergleichlichen Licht, das sich so unendlich sanft und durch den sommergrünen Blätterbaldachin vergoldetet auf den weichen Boden vortastet. Wenn ich hier vor die Tür gehe, dann sind es keine zehn Meter bis zum ersten kleinen Waldstück, und schon fühle ich mich, als hätte ich eine vollkommen andere Welt betreten, eine Welt der absoluten Ruhe und Gelassenheit.
Auf der anderen Seite des Wäldchens geht es über eine kleine Bundesstraße und dann raus in die Felder. Ich verlasse den Schatten der Bäume und spüre die Abendsonne auf meinem Gesicht, und den Wind, und das Leben. Ich sauge es auf, voller Genuss. Auf einer brachliegenden Wiese blühen Feldblumen im hohen Gras, vor allem Butterblumen und zu verpustender Löwenzahn. Ich pflücke einen Strauß und puste kräftig mitten rein. Hundert Pusteblumenschirmchen tanzen durch die warme Luft. Ich liebe Pusteblumen, also pflücke ich noch mehr, viele mehr, und blase sie absichtlich gegen den Wind, alle nacheinander. Sie kitzeln mich in der Nase und landen in meinen Haaren, die vom selben Wind sanft an mein Gesicht gepustet werden.
Zitronengelber Raps steht schon so hoch, dass ich nicht mehr drüber kucken kann. Während die Sonne langsam – ach, so wunderbar langsam inzwischen! – sinkt, steigt der zunehmende Mond immer weiter hinauf ins himmelblau. Das Kloster steht ruhig und gelassen in der Ferne, die Kirche aufrecht und erhaben noch weiter weg. Meine Füße kennen diese Feldwege, die ich früher viel zu selten gelaufen bin, inzwischen gut. Ich gehe mit geschlossenen Augen und genieße das Flirren des Frühsommerabends. Die Atempause tut mir gut, ich merke, wie ich mich langsam entspanne. Eigentlich, denke ich, eigentlich merke ich eben erst, wie verspannt ich bin. Wie sehr meine Schläfen schmerzen. Wie angespannt und ruhelos mein ganzes Wesen ist, schon seit Monaten. Ein paar Meter vor mir geht jemand mit seinem Pferd spazieren.
Manchmal vergesse ich, wie wenig ich eigentlich brauche, um zufrieden zu sein und glücklich und ruhig. Sonne. Pusteblumen. Mit nackten Füßen über eine Wiese gehen und das kühle Gras und die warme Erde spüren. Dutzende Marienkäfer, die um eine Staude Schafgarbe surren. Der Geruch des Waldes.
Als ich zurück in die Schatten komme, fröstelt es mich schon ein wenig. Es ist noch kühler hier, am Abend.