Ophelia was the rebel girl

Über diese Seite

Diese Seite ist mal literarische Fingerübung, mal melancholisches Tagebuchschreiben, mal Tortencontent-Lieferant. Da die Autorin in Mainz lebt, lacht, liebt, läuft und auch gelegentlich leidet, bloggt sie dementsprechend viel über die närrische Stadt am Rhein. Und ein hübscheres Theme gibt es vielleicht auch irgendwann.

Ich glaube, man schreibt, weil man eine Welt schaffen muß, in der man leben kann. Ich konnte in keiner der Welten leben, die man mir anbot – die Welt meiner Eltern, die Welt des Krieges, die Welt der Politik. Ich musste mir eine eigene Welt schaffen – gleichsam ein Klima, ein Land, eine Atmosphäre, in der ich atmen, herrschen und mich regenerieren könnte, wenn mich das Leben vernichtet. [...]

Der Künstler allein weiß, daß die Welt eine subjektive Schöpfung ist, daß da eine Wahl, eine Selektion von Elementen getroffen werden muß. Sein Werk ist eine Vergegenständlichung, eine Inkarnation seiner inneren Welt. Und er hofft, andere in sie hineinzuziehen. Er hofft, seine besondere Sicht anderen aufzudrängen und sie mit ihnen zu teilen. Und sollte die zweite Stufe nicht erreicht werden, so macht der tapfere Künstler trotzdem weiter. Die wenigen Augenblicke der Gemeinschaft mit der Welt sind die Mühe wert, denn es ist letztlich eine Welt für die anderen, ein Erbe für die anderen, ein Geschenk für die anderen.

Wir schreiben auch, um unsere eigene Kenntnis des Lebens zu erweitern. Wir schreiben, um andere zu locken, zu bezaubern und zu trösten. Wir schreiben, um unseren Liebsten eine Serenade darzubringen. Wir schreiben, um das Leben doppelt zu kosten: einmal im Augenblick selber und dann im Rückblick. Wir schreiben, um – wie Proust – die Dinge ewig zu machen und um uns davon zu überzeugen, daß sie ewig sind. Wir schreiben, um die Grenzen unseres Lebens zu überschreiten, um darüber hinaus reichen zu können. Wir schreiben, um unsere Welt zu erweitern, wenn wir uns erwürgt, eingeengt oder einsam fühlen. Wir schreiben so, wie die Vögel singen, wie die Primitiven ihre Riten tanzen. Wenn Schreiben für Sie nicht Atmen ist, nicht Aufschrei oder Gesang – dann schreiben Sie nicht, denn unsere Kultur hat keine Verwendung dafür! Wenn ich nicht schreibe, dann fühle ich, wie meine Welt zusammenschrumpft. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis. Ich fühle, daß ich mein Feuer und meine Farbe verliere. Dichten sollte eine Notwendigkeit sein, so wie das Meer es nötig hat, sich zu heben und zu senken. Ich nenne das: Atmen.

- Die großartige, unvergessene und unvergessliche Anaïs Nin über ihre Gründe für das Schreiben.

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