Ophelia was the rebel girl

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Der Vorteil des Westflügels

Freitag, 5. Oktober 2007 · Kommentar schreiben

im Oktober ist ein deutlicher:

Ostflügel

Während die kürzer werdende Tage und das Sterben des Kastanienbaums vor dem Ostflügel mir merklich auf das Gemüt schlagen, sind die Ahornplatanen vor dem Westflügel immer noch sommerlich grün.

Westflügel

Und ich beneide die Bewohner des 3.Stocks um ihr altes Parkett, um ihre hohen, stuckverzierten Räume, um die großen Rundbogenfenster und um die renovierte Küche.

Kategorien: Geschichten aus der Büchse · Herbst

Regenruhe

Freitag, 10. August 2007 · Kommentar schreiben

Auch, wenn ich viel über ihn schimpfe und darüber, wie nass er mich immer macht – ich mag den Regen. Nachts, vor dem Einschlafen, höre ich ihm im Bett beim Fallen zu, plitsch, platsch, plopp. Ein gleichmäßiges Rauschen und Herunterfallen ist das. Absolut angenehm. Und auch eben gerade, während ich darauf bedacht bin, die Geheimnisse der Erkenntnis durch den Yoga zu übersetzen und halbwegs zu verstehen (Bhagavadgita 6.39), beruhigt mich dieses regelmäßige Plitschplatsch da draußen auf dem Balkon. Die Tür ist gekippt, es ist dunkel draußen in der Welt und ruhig, nur von der anderen Seite des Hauses, vom Domflügel, dringt gelegentlich ein Rauschen von der Straße hier hinauf in den Ostflügel, wo mir die Stehlampe am Schreibtisch Licht und Wärme spendet. Dieser nächtliche Regen ist eines der wenigen Dinge, die mir absolute Ruhe und Frieden schenken. Im Domflügel damals habe ich ihn ganz schrecklich vermisst. Es hat mich schier wahnsinnig gemacht, dass ich den Regen dort nicht hören konnte.

Hier ist es besser. Nur die Ruhe, der Regen, die Nacht und ich.

Kategorien: Geschichten aus der Büchse · Regen und Meer · Verzaubertes

Die Leichen im Keller…

Donnerstag, 9. August 2007 · Kommentar schreiben

…haben zum Glück die anderen. Wie gesagt, bei mir kleben sie ja noch an der Wand. Aber gar nicht weit von hier, nur ein paar Schritte über die Straße, im Haus gegenüber, da kann man sie finden, die Leichen. Oder zumindest das, was von ihnen übrig ist – ein paar Knochen, Schädel, teilweise ganz zusammenhängende Skelette, die vormals insgesamt zwölf Besitzern gehörten. Die haben Bauarbeiter diese Woche bei Kellerarbeiten entdeckt. Eine Küche wollten sie bauen, einen Hort der Wärme und des Wohlseins, und auf den alten, kalten, schwarzen Tod sind sie stattdessen gestoßen. Wahrscheinlich wurden die zwölf irgendwann zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert von der Pest dahingerafft. Genauer wissen wir es nächstes Jahr, sie werden zwischenzeitlich carbondatiert. Vermutlich waren es die Verstorbenen aus dem Heiliggeist, das damals ja noch kein schickes Lokal mit sensationellem Frühstück Amsterdam war, sondern ein Spital, hier draußen, außerhalb der Grenzen der Stadtmauern. Spannend, was so alles direkt vor der eigenen Haustür passiert.

Kategorien: Geschichten aus der Büchse · Meenz wie es singt und lacht

Murder in the Sardinenbüchse

Mittwoch, 8. August 2007 · Kommentar schreiben

Ich bin ein Mörder. Ein Massenmörder.

Meine Trophäen hängen überall. An den gelb gestrichenen Wänden im Flur, am zarten himmelblau in der Küche. Auf Schränken und Zeitungen. Manchmal an meinen Schuhen. Leblose, kleine, braun-silberne Körper, zerquetscht, mit toten Fühlern, in denen sich kein Leben mehr regt. Ich habe keine Zeit und keine Lust mehr, jedes dieser verdammten Viecher, das ich erschlage, von der Wand zu kratzen. Oft komm ich sowieso nur mit mit meinem Birkenstock-Imitat in Verlängerung meines Armes ran, und ich müsste ja extra einen Stuhl holen, um die toten Leiber von der Decke zu entfernen. Vielleicht mach ich das noch irgendwann. Wenn es zu unübersichtlich wird zwischen den Lebenden und den Toten. Weil es mir doch leid tut und sie da nicht so hängen bleiben sollen, tot, mich anglotzend.

Ich bin inzwischen auch ganz gut im Mottenklatschen. Damals, bei der ersten Invasion vor drei Jahren in Gunsenum, da hab ich mich noch sehr geekelt davor, die Viecher mit der bloßen Hand zur erschlagen. Inzwischen ist es Routine. Ich passe genau den richtigen Augenblick ab, und dann klatsche ich in die Hände, nicht zu fest, so dass nichts auf der Handinnenfläche kleben bleibt, nicht zu leicht, so dass das Tier doch sofort tot ist und platt zu Boden fällt. Als Leichentuch dienen dann Küchenrolle oder AZ-Schnipsel (niemals die Süddeutsche!), als Sarg der blaugelbe Sardinenmülleimer. Sie werden etwas schneller bestattet als ihre Kollegen von der Wand. Zwischenzeitlich komme ich so auf 6-10 Opfer am Tag.

Ein schlechtes Gewissen bleibt. Aber wenn es um mein Essen geht, teile ich nunmal nicht gerne. Schon gar nicht mit Maden und Motten. Humaner als die Klebe-Zappelfallen ist es allemal. Trotzdem – ich wünschte, ich wäre kein Mörder. Schon gar kein solcher Massenmörder.

Kategorien: Geschichten aus der Büchse

Schatzkeller

Sonntag, 10. Juni 2007 · Kommentar schreiben

Wir haben gestern den Keller ausgemistet. Es ist unglaublich, was sich dort alles angesammelt hat in 16 Jahren Sardinenbüchse: 17 Eimer Farbe, mehr oder weniger vertrocknet, mehr oder weniger weiß, auch etwas Abtönfarbe, zusammengefaltete 1,50 Höhenmeter morsche Umzugs- und sonstige Kartons, Ski (mit 70er-Jahre Skihose), Schlittschuhe (mit Socken), Kinderkrücken, Säcke um Säcke voller Altkleider, mehrere morsche Kartons voller morscher Sixpacks voller abgelaufener Flaschen Mike’s Hard Lemonade, die beim Entsorgungsversuch durch besagte morsche Kartons rutschen und sich in alkoholische Limonadenpfützen auf dem dreckigen Kellerboden ergießen, diverser Elektroschrott wie Videorekorder und Aufnahmegeräte aus den 80ern (wobei der Spitzenreiter aber die unzähligen Wasserkocher sind, Verschleißerscheinung Nummer 1 in Sechser-WGs), eine Metalljalousie, welche auf den ersten Blick perfekt in die Vorratskammer zu passen scheint und dort hoffentlich bald das ausgeleierte Bambusrollo ersetzt, das die Lebensmittel nicht wirklich vor der erbarmungslosen sommerlichen Morgensonne schützt, und, zu guter letzt, in einer Ecke in einem blauen Müllsack verborgen: unser verlorenes Bidet. Das Bidet, das in allen anderen Wohnungen dieses wunderschönen Hauses im Bad installiert ist, dort, wo bei uns die Waschmaschine steht; dort, wo es aber ebenso wenig benutzt wird, wie wenn es bei uns stünde. Dieses Gefühl, das man empfindet, wenn man in einem von unfreundlichen Handwerkern verdreckten Keller die alten Habseligkeiten unzähliger ehemaliger Sardinen in Elektroschrott, Sondermüll, Sperrmüll und Altkleider sortiert in Turnschuhen, die mit alkoholischer Limonade durchweicht sind, die älter ist als der Begriff Alkopop, mit Händen und Armen bedeckt in Spritzern einer Limo-Bodendreck-Paste und man dann, in der allerletzten Ecke, vollkommen unverhofft ein Bidet findet, einfach so – nein, das kann man wirklich nicht in Worte fassen.

Man mag sich aber durchaus meine Entzückung vorstellen ob der Schätze, die ich nach ihrer Entdeckung wohlwollend in meine Obhut genommen habe: eine alte kleine Reiseschreibmaschine, verstaubt und mit Spinnweben bedeckt, aber immer noch funktionstüchtig wie geschmiert; ein kitschiger indischer Porzellanelefant, der jetzt die Sonne auf meinem Balkon genießt, nachdem der Wolkenbruch am Abend ihn erstmal gründlich entstaubt hat; die wunderschönen gusseisernen, schweren Kerzenständer zur Montage an dicken, kühlen Wänden in tiefen, dunklen Gängen; und der elegante, dunkelbraune zweireihige Mantel aus glänzendem Leder, der mir gerade eben noch passt, die Ärmel ein bisschen kurz zwar, aber ein Ledermantel, wie ich ihn mir immer gewünscht habe, ein Inbegriff individueller Eleganz. Wunderbar.

Nur die beiden silbernen Kuchengabeln, aufbewahrt in einer mit feinster gelber Seide ausgeschlagenen kleinen Kiste, die hat Babett-e in einem Moment der Unachtsamkeit meinerseits in den Müll gedonnert mit einem „Ih, sind doch eklig, was willste denn damit?!“

Na, meine Sonntagstorte essen zum Beispiel. Verdammt.

Kategorien: Geschichten aus der Büchse · Meenz wie es singt und lacht · Unfassbar

Sonntag, 18. März 2007 · Kommentar schreiben

Jeder Tag, der mit Apfelkuchen beginnt und mit Apfelkuchen endet, ist ein guter Tag. Wenn dieser Apfelkuchen dann auch noch vom allseits beliebten Herrn L. aus M. (der inzwischen seinen eigenen Fanclub hat) vorbei gebracht wird und ebendieser auf eine Tasse Tee und einen Plausch bleibt (und dabei immer wieder irritiert auf mein Lieblings-TShirt starrt), man im Anschluss ein Telefongespräch über ebendies und anderes mit der besten Freundin führt, dann zu Mittag Spaghetti mit rotem Pesto, Rucola, schwarzen Oliven und grob gehobeltem Parmesan genießt, bevor man sich an den Wohnungsputz macht, um sich anschließend in die Badewanne zu hauen

und ein leckeres Abendbrot zu sich zu nehmen,

dann, ja dann ist das eigentlich ein ziemlich guter Tag.

Wenn doch nur die anderen Sardinen hier wären. Besonders J.

Kategorien: Geschichten aus der Büchse · Schlemmereien