Ophelia was the rebel girl

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Zufriedenheit

Donnerstag, 15. Mai 2008 · Kommentar schreiben

Manchmal vergesse ich, wie sehr mir der Wald fehlt. Mir fehlen auch die Felder und die Wiesen und die grünen Flüsse, aber besonders fehlt mir der Wald mit seinen Geräuschen und Gerüchen, mit diesem unvergleichlichen Licht, das sich so unendlich sanft und durch den sommergrünen Blätterbaldachin vergoldetet auf den weichen Boden vortastet. Wenn ich hier vor die Tür gehe, dann sind es keine zehn Meter bis zum ersten kleinen Waldstück, und schon fühle ich mich, als hätte ich eine vollkommen andere Welt betreten, eine Welt der absoluten Ruhe und Gelassenheit.

Auf der anderen Seite des Wäldchens geht es über eine kleine Bundesstraße und dann raus in die Felder. Ich verlasse den Schatten der Bäume und spüre die Abendsonne auf meinem Gesicht, und den Wind, und das Leben. Ich sauge es auf, voller Genuss. Auf einer brachliegenden Wiese blühen Feldblumen im hohen Gras, vor allem Butterblumen und zu verpustender Löwenzahn. Ich pflücke einen Strauß und puste kräftig mitten rein. Hundert Pusteblumenschirmchen tanzen durch die warme Luft. Ich liebe Pusteblumen, also pflücke ich noch mehr, viele mehr, und blase sie absichtlich gegen den Wind, alle nacheinander. Sie kitzeln mich in der Nase und landen in meinen Haaren, die vom selben Wind sanft an mein Gesicht gepustet werden.

Zitronengelber Raps steht schon so hoch, dass ich nicht mehr drüber kucken kann. Während die Sonne langsam – ach, so wunderbar langsam inzwischen! – sinkt, steigt der zunehmende Mond immer weiter hinauf ins himmelblau. Das Kloster steht ruhig und gelassen in der Ferne, die Kirche aufrecht und erhaben noch weiter weg. Meine Füße kennen diese Feldwege, die ich früher viel zu selten gelaufen bin, inzwischen gut. Ich gehe mit geschlossenen Augen und genieße das Flirren des Frühsommerabends. Die Atempause tut mir gut, ich merke, wie ich mich langsam entspanne. Eigentlich, denke ich, eigentlich merke ich eben erst, wie verspannt ich bin. Wie sehr meine Schläfen schmerzen. Wie angespannt und ruhelos mein ganzes Wesen ist, schon seit Monaten. Ein paar Meter vor mir geht jemand mit seinem Pferd spazieren.

Manchmal vergesse ich, wie wenig ich eigentlich brauche, um zufrieden zu sein und glücklich und ruhig. Sonne. Pusteblumen. Mit nackten Füßen über eine Wiese gehen und das kühle Gras und die warme Erde spüren. Dutzende Marienkäfer, die um eine Staude Schafgarbe surren. Der Geruch des Waldes.

Als ich zurück in die Schatten komme, fröstelt es mich schon ein wenig. Es ist noch kühler hier, am Abend.

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Der schönste Tag des Sommers

Freitag, 5. Oktober 2007 · Kommentar schreiben

Es ist September. Die ganze Woche hat es schon geregnet, alles war grau und kalt und igitt, aber nicht heute. Heute zieht der Himmel auf, ganz langsam, aber doch bestimmt und kraftvoll.

Ich klingele bei Sabine. Sie macht die Tür auf und lacht: „Du siehst aus wie eine Comicfigur!“ Ich wehre mich gegen den Herbst und gegen das braungraublauschwarz des Alltags. Anstelle depressiver Schlammfarben trage ich einen ein pinkes T-Shirt, einen orangerotgelbhellrosadunkelrosapinkdunkelgrünaquatürkishellgrün gestreiften Sommerrock und quietschgrüne Schuhe. Später sagt sie, dass sie sich früher Karla Kolumna so vorgestellt hat.

Wir sitzen im Garten und trinken Tee. Die Wespen summen um uns herum, also bestellen wir sie beim Universum ab. Es funktioniert. Wir liegen etwas benommen in unseren Stühlen. Ab und zu stehen wir auf, um uns ein paar Zwetschgen vom Baum zu pflücken und faul in den Mund zu schieben. In diesem Augenblick kommt es mir vor, als hätte ich nie etwas besseres gegessen als diese köstlichen Zwetschgen, vom Baum ab in den Mund.

Später fahren wir mit den Rädern in den Wald, und ich fühle mich endlich wieder zu Hause. Sabine sammelt Moos, ich atme Wald. Über einen zugewachsenen Wiesenweg fahren wir an einem Maisfeld entlang. Die Brennesseln wischen an meinen Strümpfen vorbei, und ich brenne, aber es ist egal. Es ist sogar gut. Vertraut.

Sabine verschwindet im Maisfeldwald. Ihre Stimme klingt dumpf und weit weg. Als sie wiederkommt, sitze ich auf der Wiese. Außer dem Maisfeld ist nichts um uns herum als Wald. Alles ist still. Der Himmel ist inzwischen aufgerissen. Sabine setzt sich zu mir, und wir schweigen und schauen den Grashüpfern zu. Der Boden ist weich und trocken und die Sonne wärmt uns milde. Zufriedenheit. Alles ist gut in diesem Moment, und ich präge mir jedes kleine Detail ein für später – Sabines blondes Haar vor dem hellblau leuchtenden Himmel, auf der einen Seite das Maisfeld, auf der anderen und vor und hinter uns der Wald; die Brennesseln, die Grashüpfer, die Stille, der vertraute Geruch.

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Dein roter Mund berührt mich sacht

Dienstag, 18. September 2007 · Kommentar schreiben

Wir stehen in einer Wohnung, aber nicht hier bei mir, und auch nicht bei Dir. Wir reden über irgendetwas Belangloses. Wahrscheinlich redest Du, und ich höre Dir zu, wie das meistens ist bei uns beiden. Ich gehe durch den Raum, als etwas Deinen Redefluss unterbricht. Mein Oberteil ist durch die Bewegung ein kleines bisschen nach oben gerutscht, ein winzig kleines bisschen nur. Ein wenig Haut liegt zwischen jetzt zwischen dem T-Shirt und meinem Rock. Ein wenig Haut, das alles verändert.

Du bemerkst es, brichst mitten im Satz ab, sagst stattdessen etwas anderes, etwas Erstauntes, etwas Ergriffenes, etwas Wundervolles. Du hattest nicht erwartet, dass es Dir in meiner Gegenwart so gehen könnte, das hatten wir beide nicht. Die Schönheit dieses kleinen Fleckchens in der Gegend meiner rechten Hüfte hat Dich überrascht. Und weil Du Dir nicht anders helfen kannst, weil Du nichts mehr sagen kannst, weil Du musst, Du musst, beugst Du Dich hinunter. Du ziehst mich an Dich und legst Deine Lippen auf diese Stelle, zart und tastend, bevor Du den Flecken ganz genau untersuchst, denn Du musst ihn besitzen. Er muss Dir gehören. Es geht nicht anders. Die Berührung ist so intensiv, dass ich noch Tage später erschauere, wenn ich an sie denke.

Wir sind beide überwältigt von diesem Moment, von seiner Kraft und seiner sanften und höllischen Gewalt, dass alles, was danach passiert, vollkommen ohne Belang ist. Es ist dieser Moment, der uns in Erinnerung bleiben wird. Der Moment, der alles verändert hat.

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This is how the good life is supposed to be

Dienstag, 21. August 2007 · Kommentar schreiben

aubergine.jpg

Was wir hier vor uns haben, ist das allerleckerste kroatische Weißbrot überhaupt, eine Scheibe mit Salz, Pfeffer und viel Knoblauch behandelte, auf dem Cobb-Grill gegrillte Aubergine, Frischkäse und abermals Cobb-gegrillte Zwiebelringe. Zubereitet zur Musik von Wilco’s Being There vor Anker in einer kleinen kroatischen Bucht, in der man nach einer weiteren Sternschnuppennacht am nächsten Morgen erstmal zum Aufwachen ins kristalltürkise Meer springt.

Viel schöner wird das Leben nicht.

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Zugfahrt durch Norditalien

Montag, 13. August 2007 · Kommentar schreiben

In Italien fährt man 120 km im geräumigen, komfortablen, klimatisierten Zug für 6€.

Sechs Euro.

Standard, ohne Rabatt, 2. Klasse in einem ganz normalen Schnellzug.

Vielleicht können sie sich deshalb in Mestre kein Taubenabwehrsystem leisten. Nur die besonders Mutigen sitzen auf dem dortigen Bahnhof auf den Steinbänken am Bahnsteig, dort, wo einem die Taubenscheiße alle paar Minuten mit einem feuchten platsch vor die Füße klatscht. Wenn man Glück hat.

Wer sich in den Nichtraucherzügen – hier übrigens seit 2003, vorbildlich, Italien! – eine Zigarette anzündet, zahlt allerdings auch nur schlappe 7€. Wenn ich das mit meinen rudimentären Italienische-Kenntnissen richtig verstanden habe. Großartig, Italien.

Und am Fenster rauscht die grüne Landschaft an mir vorbei, gebadet in dieses goldene Licht, das es nur im Spätsommer gibt, und dieses vielleicht nur in Italien.

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Regenruhe

Freitag, 10. August 2007 · Kommentar schreiben

Auch, wenn ich viel über ihn schimpfe und darüber, wie nass er mich immer macht – ich mag den Regen. Nachts, vor dem Einschlafen, höre ich ihm im Bett beim Fallen zu, plitsch, platsch, plopp. Ein gleichmäßiges Rauschen und Herunterfallen ist das. Absolut angenehm. Und auch eben gerade, während ich darauf bedacht bin, die Geheimnisse der Erkenntnis durch den Yoga zu übersetzen und halbwegs zu verstehen (Bhagavadgita 6.39), beruhigt mich dieses regelmäßige Plitschplatsch da draußen auf dem Balkon. Die Tür ist gekippt, es ist dunkel draußen in der Welt und ruhig, nur von der anderen Seite des Hauses, vom Domflügel, dringt gelegentlich ein Rauschen von der Straße hier hinauf in den Ostflügel, wo mir die Stehlampe am Schreibtisch Licht und Wärme spendet. Dieser nächtliche Regen ist eines der wenigen Dinge, die mir absolute Ruhe und Frieden schenken. Im Domflügel damals habe ich ihn ganz schrecklich vermisst. Es hat mich schier wahnsinnig gemacht, dass ich den Regen dort nicht hören konnte.

Hier ist es besser. Nur die Ruhe, der Regen, die Nacht und ich.

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the river goes on and on

Sonntag, 22. Juli 2007 · Kommentar schreiben

Es ist Bierbörse, am Rhein wieder dieses Jahr, und es ist etwas schwierig, sich aus den lauten, peinlichen Menschenmassen raus zu schlagen, selbst jenseits des Bieräquators. Dem Rhein aber ist das egal. Ruhig und gemächlich fließt er dahin, langsam, träge, regengrün; und ebenso gemächlich tuckern die Cargotransporter und Ausflugsschiffe stromaufwärts, ohne Hektik. Alles mit der Ruhe an diesem späten Sonntagabend. Sogar die Jogger (die anderen sind immer Jogger, man selbst ist immer Läufer, natürlich) scheinen unaufgeregter und gemütlicher zu traben als an anderen Tagen, die Studenten und Hippies sitzen auf den Wiesen am Winterhafen und grillen, wie es sich gehört (solange man sie noch lässt), und alles ist gut. Unter der Eisenbahnbrücke bilden sich Wasserstrudel. Man kann die Unterströmung erahnen, dort, wo inmitten dieses riesigen, mächtigen Flusses alle paar Meter Wassermassen zusammentreffen und nach unten gesaugt werden, und man stellt sich dazu ein Geräusch vor, etwas saugendes, schmatzendes, wie ein zufriedenes, sattes Rülpsen. Unterströmung, das ist ohnehin ein seltsames, schönes Wort. Ich muss immer an die Liedzeile denken, wenn ich es höre: I’m pulled down by the undertorrent – I never thought I could feel so low; but oh darkness I feel like letting go. Aber dieser Abend ist in keinster Weise so traurig, auch wenn die Dunkelheit langsam hereinbricht, nachdem die Sonne rot und orange genau hinter dem Dom versinkt. Der Fluß fließt ruhig und gemütlich, die Blumen in den Vorgärten der Uferstraße blühen gelassen – Spießergärten mit Geranien, Hippie-Gärten mit Sonnenblumen und Wildblumensaat, Psychologen- und Anwaltsgärten mit Hortensien und Stockrosen – gerade so, als wüssten sie um ihre vergängliche Schönheit, und alles ist angenehm dumpf und ruhig.

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Geschützt: Ich bleib ein hoffnungsloser Optimist

Montag, 14. Mai 2007 · Geben Sie Ihr Passwort ein, um Kommentare lesen zu können.

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Und ich webe mich in jede Strömung ein

Donnerstag, 10. Mai 2007 · Kommentar schreiben

Ich bin gern am Frankfurter Hauptbahnhof. Ich mag die Hektik und das Gewusel am Morgen. Meistens kann ich mir Zeit lassen. Ich belächle dann die Menge um mich herum, liebevoll und fürsorglich, nicht spöttisch (außer den affigen Bankern, die kahlköpfig, SMS-tippend, MP3-hörend mit dem Laptop in der Schultertasche an der Tür des vordersten Zugabteils stehen, um als erste aussteigen zu können – denn die verdienen es nicht anders). Ich weiß nicht, warum; es ist einfach so. Ich mage es auch, wenn ich selbst über den Bahnsteig renne, mich erst in die Strömung einwebe und dann kurz darauf wieder aus ihr ausbreche und durch die Menge wirbele. Ich fühle mich dann teilhaftig.

Abends habe ich manchmal noch etwas Zeit, bevor mein Zug fährt. Dann hole ich mir einen Vanilla Latte oder einen kleinen White Chocolate Mocha vom Starbucks am Haupteingang, setzte meine Brille auf die Nase und schlendere über den den Bahnhof. Ich fühle mich dann zu Hause, ich beobachte die Menschen, und ich erwarte jeden Moment, jemanden anzurempeln, der sich dann als alter Bekannter herausstellt, oder selbst von jemandem entdeckt zu werden. Manchmal schaue ich mir die Ankunftspläne an und sehe nach, an welchen Gleisen Züge aus Berlin ankommen, immer in der Hoffnung, ihm vielleicht doch über den Weg zu laufen, einmal noch, irgendwann. Ich schaue bei Gleis 6 vorbei oder Gleis 9, und albernerweise schlägt mir das Herz bis zum Hals – warum sollte er auch ausgerechnet in diesen paar Minuten ausgerechnet in Frankfurt sein? Selbst wenn er hier wäre, würden wir uns verpassen, wie wir es schon immer getan haben – in Gunsenum, in Valencia, wie wir uns fast im SBII verpasst hätten, hätte ich das Seminar damals geschwänzt. Und trotzdem: einfach lassen kann ich es nicht.

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Wiesbaden, Hauptbahnhof, an einem sommerlichen Nachmittag im Frühling

Sonntag, 6. Mai 2007 · Kommentar schreiben

Es hat nicht geregnet, seit mindestens fünf Wochen nicht, wenn nicht länger. Fünf Wochen, das ist eine verdammt lange Zeit. Wie lange, ist mir eigentlich erst so richtig aufgefallen, als ich am Freitag mit dem Kamerateam auf der Sophienhöhe über Erbach und Michelstadt stand und mir zum ersten Mal der zermürbte Boden unter dem erstaunlicherweise immer noch grünen Gras auffiel.

Gestern dann, in der S-Bahn, kurz vor Wiesbaden, am Ostbahnhof, sah ich aus dem Fenster auf dunkel gefleckte Betonplatten. Während ich in Mainz gerade mal zwei Tropfen auf der Haut spürte, während ich auf den Bus wartete, hatte ich den ersehnten Regen auf der anderen Rheinseite wohl um wenige Minuten verpasst. Der Beton trocknete schon wieder hellgrau aus an den Rändern, die Nässe der dunklen Flecken glänzte eine Minute später schon nicht mehr feucht.

Im Bahnhof dann, als ich aussteige aus der neuen Bahn (wir fahren schließlich innerhessisch), bemerke ich zunächt nur ein Rinnsal, ein bisschen Wasser, das an einem Pfeiler herunterläuft. Ich sehe mich um, in diesem schönen, alten, herrschaftlichen Bahnhof, an den Pfeilern hinauf zum glasgefassten Dach, durch dessen dreckig-schmierigen, staubig-verlotterten Scheiben die Sonne in den großen, offenen Raum fällt – und erst jetzt werde ich der vielen kleinen Sturzbäche gewahr, die vom Dach hinabsausen und am oberen Ende ihr erlösendes Regenwasser in kleinen, senkrechten Bögen versprühen, bevor sie auf den grauen Bahnhofsboden platschen und Trinkpfützen für die Tauben bilden. Diese Schönheit überwältigt mich und macht mich glücklich, nicht atem- oder fassungslos, sondern einfach nur froh und zufrieden. Und alles ist gut so, wie es ist: die matten Scheiben, die Sonne, die ruhige, angenehme Gelassenheit der Bahnhofsatmosphäre, und der Hauch eines Regengusses.

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